Klagelieder 3,22-26.31-32 | Mittwoch nach dem 16. Sonntag nach Trinitatis | Pfr. Dr. Martens

In einer Anhörungsniederschrift las ich vor einiger Zeit den schönen Satz: Der christliche Gott ist viel netter als der Gott des Islam. Ja, das kann man natürlich richtig verstehen. Natürlich bleibt der Gott, der sich im Koran zu erkennen gibt, in vieler Hinsicht dunkler, rätselhafter, ja furchteinflößender als der Gott, der sich in der Heiligen Schrift, der sich ganz konkret in Jesus Christus zu erkennen gibt. Und trotzdem passt das Wort „nett“ eigentlich nicht so richtig zu Gott, auch wenn man dabei bedenkt, dass das persische Wort „mehraban“ noch tiefere Klänge hat als das deutsche Wort „nett“. „Nett“ bedeutet im Deutschen ja immer auch so viel wie „harmlos“, einer, der keiner Fliege etwas zuleide tun kann. Nett ist der Lehrer, der in der Schule keine 5en und 6en verteilt. Nett ist die Oma, die darauf spezialisiert ist, ihre Enkel zu verwöhnen. Und solch einen netten Gott, den wünschen wir uns eben auch, der entspricht genau den Anforderungen, die wir Menschen an einen Gott nach unseren Vorstellungen und Bedürfnissen richten: Er soll nett sein, soll für alles Verständnis haben, was wir machen, soll das alles auch gut finden, was wir tun. Er soll nett sein, soll sich nicht darüber aufregen, wenn wir ihn irgendwo in der Ecke unseres Lebens parken und dann von Zeit zu Zeit mal hervorziehen, wenn wir mal wieder ein bisschen Feierlichkeit in unserem Leben benötigen. Ja, wenn wir das Gefühl haben, dass in unserem Leben die Dinge doch mal ins Schwanken und Wackeln geraten, dann brauchen wir sie, die Botschaft vom netten Gott, die uns verkündigt, dass alles gut werden wird, weil wir ja immer solch einen netten Gott an unserer Seite haben.

Doch Gott ist eben nicht nett, so macht es uns die alttestamentliche Lesung des 16. Sonntags nach Trinitatis deutlich. Gott ist nicht nett, so erfuhren es die Bewohner der Stadt Jerusalem, nachdem die Babylonier im Jahr 587 vor der Geburt Christi die Stadt erobert und dem Erdboden gleich gemacht hatten. Ja, da saßen sie nun in den Trümmern ihrer Stadt – gezeichnet von den Schrecken der Zerstörung, ohne jegliche menschliche Zukunftshoffnung. Und eines war ihnen dabei ganz klar: Das, was sie da erfahren hatten, das hatte sehr direkt mit Gott, mit dem lebendigen Gott zu tun, der offenkundig eben nicht einfach nur nett und harmlos ist, sondern der mit seinem Handeln immer wieder auch Grund zur Klage, zum Trauern, ja zur Verzweiflung gibt.

Gott ist nicht nett – davon können auch so viele unter uns sehr direkt berichten, wenn sie aus ihrem eigenen Leben, aus ihrer eigenen Lebenserfahrung erzählen. Ja, diese Erfahrung, auf Trümmern zu sitzen, auf Trümmern der eigenen Existenz, auf Trümmern der Hoffnungen, die so festzustehen schienen, diese Erfahrung kennen doch so viele von uns auch. Da hatte man sich im Iran ein schönes Leben aufgebaut, da schien alles, menschlich gesprochen, gut zu laufen – und dann änderte sich alles, als man die Botschaft des christlichen Glaubens kennenlernte. Nein, diese Hinwendung zum christlichen Glauben brachte doch, menschlich gesprochen, überhaupt keine Vorteile, sondern nur Nachteile, schlug einem alles aus der Hand, was man hatte. Und was davon noch übriggeblieben war, das ging dann auch noch zu Bruch, als das Bundesamt einem bescheinigte, dass man angeblich nur zur Pflege des westlichen Lebensstils hier nach Deutschland gekommen sei, nur aus Jux und Dollerei die Familie, den Beruf, nicht selten auch die Gesundheit preisgegeben habe. Ja, wie oft sitze ich hier in meiner Arbeit mit Menschen zusammen, die so vor den Trümmern ihrer Existenz sitzen, denen nichts mehr geblieben ist – und die dann so oft eben auch Gott einfach nicht verstehen können, der sie dies alles durchleben und durchleiden lässt: Gott hat mich verlassen, so erklären sie dann. Und es ist so schwer, dagegen dann noch zu argumentieren.

Nein, Gott ist nicht nett – das wird mir auch persönlich immer wieder klar, wenn ich mit dem so vielfältigen Leid von Menschen hier in unserer Gemeinde konfrontiert werde, mit dem bitteren Unrecht, das ihnen hier in Deutschland so oft zugefügt wird, mit der Verzweiflung, von der Familie getrennt zu sein und daran nichts ändern zu können, mit den tiefen Verwundungen der Seele, die so viele Glieder unserer Gemeinde aus ihrer Lebensgeschichte mit sich herumtragen. Nein, da kann ich nicht einfach sagen: Gott ist nett – und all das, was diese Menschen da erleben, das hat eben nichts mit Gott zu tun. Was wäre das für ein Gott, der einfach nur nett auf einer himmlischen Couch herumsitzen würde und sich für all das, was Menschen hier in unserer Mitte erleben, für unzuständig erklären würde!

Gott ist nicht nett. Er kann ganz gewaltig zornig werden, kann sehr wohl Sünde strafen. Ja, mehr noch: Er handelt nicht selten so, dass wir überhaupt nicht verstehen können, warum er so mit uns umgeht. Was uns da bleibt, ist die Klage, ist die Frage nach dem „Warum“, die wir in unserer Klage mit den Psalmen und Klageliedern der Bibel an Gott richten sollen und dürfen: Herr, ich verstehe es einfach nicht, was du mit mir, was du mit anderen Menschen hier in der Gemeinde anstellst. Warum lässt du mich so viele Enttäuschungen erfahren, warum greifst du nicht ein und machst dem Unrecht ein Ende? Ja, warum?

Ja, genau so sollen und dürfen wir mit Gott sprechen. Denn indem wir klagen und diese Klagen an ihn, Gott, richten, nehmen wir Gott ernst, schrumpfen wir ihn nicht zu einem Gott im Bonsai-Format zusammen, sondern erkennen an, dass Gott nicht von unseren Wünschen und Vorstellungen abhängig ist, dass er sich nicht danach richtet, wie wir ihn uns ausmalen, sondern dass Gott das Recht dazu hat, so mit uns umzugehen, wie er es will, ohne dass wir von ihm verlangen könnten, doch ja immer auch nett zu sein.

Doch gerade da, wo wir Gott in der Klage Recht geben, wo wir ihm zubilligen, dass er tatsächlich so mit uns umgehen kann, wie er es tut – gerade da halten wir eben an Gott fest. Und gerade da beginnen wir dann auch noch einmal mit dem Beter des Klageliedes, das wir als Predigtlesung gehört hatten, wahrzunehmen, dass Gott in der Tat zwar nicht einfach nett ist, aber ebenso wenig einfach nur ein dunkler, unverständlicher Tyrann, ein übernatürlicher Sadist.

Dann beginnen wir, wieder neu wahrzunehmen, dass es in der Tat Gnade ist, „dass wir nicht gar aus sind“, wie Martin Luther hier so schön übersetzt. Ja, es ist Gnade Gottes, dass er seinen Zorn über unsere Sünde und Schuld nicht so über uns ausgeschüttet hat, dass er uns einfach vernichtet hat. Wir dürfen noch leben, wir dürfen noch nach vorne blicken, wir dürfen noch atmen und aufatmen. Ja, mehr noch: Wir dürfen es immer wieder hören aus Gottes Wort, dass Gottes Zorn nicht sein letztes Wort ist, ja, dass der HERR nicht für immer verstößt. Nein, das ist kein Naturgesetz, und das liegt auch nicht daran, dass Gott einfach nett ist. Sondern das ist ein unfassliches Wunder, über das wir immer wieder neu staunen sollen und dürfen. Es ist ein Wunder, das wir letztlich nur recht erahnen können, wenn wir auf den gekreuzigten Jesus Christus schauen: Nein, der war kein Prophet, der den Leuten erzählt hat, wie nett doch Gott ist. Sondern der hat am Kreuz geschrien: Mein Gott, warum hast du mich verlassen? Der hat ihn, den verborgenen, den rätselhaften Gott, der alles andere als nett ist, erfahren bis in die tiefste Tiefe des Leides hinein. Doch auch Christus hat dann erfahren dürfen, dass Gottes Barmherzigkeit selbst angesichts des Todes noch kein Ende hat, hat erfahren dürfen, wie er auferweckt wurde, wie der Tod nicht das letzte Wort über ihn behalten hat.

Ja, Gott lässt uns seine Barmherzigkeit, seine Güte erfahren – aber niemals am Leid, an der Klage, ja am Tod vorbei. Sondern mitten in all dem Unverständlichen, das wir von Gott erfahren, dürfen wir eben zugleich bekennen und daran festhalten: Deine Treue ist groß. Wenn Gott uns etwas versprochen hat, dann hält er das auch, selbst wenn alles in unserem Leben dagegen zu sprechen scheint.

Mitten in unserer heutigen Predigtlesung steht ein Wort, das man so schnell überliest und in dem doch all das zusammengefasst ist, worum es dem Beter dieses Klageliedes hier geht, worum es auch uns in unserem Leben gehen sollte: Der HERR ist mein Teil, spricht meine Seele.

Das ist eine Anspielung auf die Landverteilung der Israeliten nach dem Einzug ins Gelobte Land. Jeder Stamm bekam einen bestimmten Teil des Landes zugeteilt – außer den Leviten. Die durften im Tempel ihren Dienst versehen, und eben darum galt für sie: Der HERR ist ihr Teil, ihr Ersatz dafür, dass sie kein Stück eigenes Land abbekommen hatten. Alles, was die Leviten hatten, war nur er, der HERR, allein.

Und genau darum geht es eben nun auch in unserem Leben: Gott verspricht dir in deinem Leben nicht Gesundheit, er verspricht dir nicht einen schnellen Aufenthalt in Deutschland, er verspricht dir nicht, dass in deiner Familie immer alles gut und glatt läuft, er verspricht dir nicht eine gute Arbeit, er verspricht dir nicht, dass deine Hoffnungen und Wünsche im Leben immer in Erfüllung gehen. Er verspricht dir auch nicht, nett zu sein. Aber er verspricht dir, dass du alles in deinem Leben hast, was du wirklich brauchst, wenn du ihn hast, wenn du in seiner Nähe, in seiner Gemeinschaft lebst. Der HERR ist mein Teil – ja, das heißt in der Tat: Ich kann in meinem Leben auf alles verzichten, aber nicht auf meinen Herrn Jesus Christus. Und wenn ich dich, HERR, habe, dann frage ich nicht nach Himmel und Erde, dann frage ich nicht nach Gesundheit, nicht nach einem langen Leben, nicht nach einem schnellen Aufenthalt, nicht nach einer Wohnung, nicht nach einem Ehepartner, nicht nach einer Arbeitsstelle. Ich frage nur danach, dass du, HERR, dass du, Jesus Christus, mein Leben, mein Lebensinhalt bist, alles, was ich habe und brauche.

Ja, zu solch einem Glauben will uns unsere heutige Predigtlesung anleiten – zu einem Glauben, der erkennt, wie reich der beschenkt ist, der Jesus Christus als seinen Herrn im Leben hat, der erkennt, wie gut ich es habe, in der Tat vor Gott keine Angst haben zu müssen, weil Jesus Christus mein Retter, mein Erlöser, meine Gerechtigkeit ist. Ja, praktisch bedeutet das in der Tat, dass wir in unserem Leben oft warten müssen, warten auf Antworten auf Gebete, warten darauf, dass wir Gottes freundliches Angesicht auch in unserem Leben erkennen können. Ja, dieses Warten bleibt uns nicht erspart bis in den Tod. Doch selbst und gerade da werden wir es dann erfahren dürfen: Wenn Gott mein Teil ist, dann verliere ich auch im Tode nichts, dann gewinne ich alles, dann habe ich mehr, als wenn ich alle Schätze dieser Welt hätte. Ja, wenn Gott mein Teil ist, dann gilt selbst noch in meiner Todesstunde: Seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß. Was Gott mir in der Taufe zugesagt hat, das bleibt, was ich auch sonst in meinem Leben erfahren mag. Ja, wie gut – Gott ist unendlich mehr als einfach bloß nett! Amen.

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