St. Lukas 9,51-56| Mittwoch nach Dem drittletzten Sonntag des Kirchenjahrs | Pfr. Dr. Martens

Da saß ich wieder einmal in einem Sitzungssaal des Verwaltungsgerichts hier in Berlin und wurde darüber befragt, was ich denn über die Ernsthaftigkeit des Glaubenswechsels eines afghanischen Gemeindegliedes sagen könne. Nachdem die Richterin mich zur Wahrhaftigkeit ermahnt hatte, konnte ich loslegen. Ich kannte das Gemeindeglied schon einige Jahre, und so konnte ich viel berichten von den Gesprächen, die ich mit ihm geführt hatte. Nachdem ich meinen Bericht beendet hatte, fragte die Richterin die Vertreterin des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge, was sie dazu zu sagen habe. Ihre Antwort fiel knapp aus: Ohne es näher zu begründen, erklärte sie einfach, sie glaube nicht, dass ich, der Pastor, in meinem Bericht über das Gemeindeglied die Wahrheit gesagt habe. Der Vorwurf der uneidlichen Falschaussage vor Gericht – einfach mal so dem Pastor an den Kopf geworfen in dem Wissen, dass man im Zweifelsfall das Verwaltungsgericht sowieso auf seiner Seite hat. Die Gemeindeglieder, die der Verhandlung folgten, wären vor Empörung bald aufgesprungen, doch der Rechtsanwalt mahnte zur Ruhe: Bloß nicht widersprechen, sonst habe man bei dieser Richterin gar keine Chance. Ich wusste: Was die Vertreterin des BAMF da sagte, war ja nicht gegen mich persönlich gerichtet, sondern die übliche kirchenfeindliche Hetze, die wir aus dem Mund des BAMF immer wieder zu hören und zu lesen bekommen; es ging nicht gegen mich, sondern gegen den, den ich als Pastor letztlich vertrat, gegen Christus selber. Und doch ging es mir innerlich schon so ähnlich wie dem Jakobus und Johannes hier in unserer Geschichte, da wäre es mir in diesem Augenblick auch nicht ganz unsympathisch gewesen, wenn mein Chef von oben da mal etwas Feuer vom Himmel gesandt und gezeigt hätte, was er von dieser Hetze hielt.

Ja, die Geschichte, die uns heute Abend von St. Lukas erzählt wird, erweist sich als erstaunlich aktuell. Sie steht genau am Wendepunkt des Lukasevangeliums, im wahrsten Sinne des Wortes: Jesus wendet das Angesicht, entschlossen, nach Jerusalem zu wandern, so heißt es hier. Mit diesem Vers im 9. Kapitel des Lukasevangeliums beginnt die Passionsgeschichte des Lukas, seine Leidensgeschichte: Jesus nimmt Kurs auf Jerusalem, um dort am Kreuz den Tod zu erleiden – für uns. Bisher hatte er im Norden Israels, in Galiläa, gewirkt. Nun geht es nach Süden. Eigentlich war der kürzeste Weg dorthin klar – aber so klar war er dann eben doch wieder nicht. Denn zwischen Galiläa und der Hauptstadt Jerusalem lag Samarien, das Siedlungsgebiet der Samaritaner, die mit den Juden verfeindet waren. Viele fromme Juden machten darum einen Bogen um dieses Gebiet, machten lieber einen Umweg und gingen an der Ostseite des Jordan entlang, um nicht in Kontakt mit den Samaritanern kommen zu müssen. Solche Berührungsängste kennt Jesus nicht. Er wählt den direkten Weg durch Samarien. Doch die Offenheit, die Jesus hier an den Tag legt, beruht nicht unbedingt auf Gegenseitigkeit: Jesus schickt schon mal Boten voraus, die sich schon mal um ein Nachtquartier in einem Dorf der Samaritaner kümmern sollten. Doch die Boten werden zurückgewiesen – besser gesagt: Er wird abgewiesen, wird nicht aufgenommen, so formuliert es Lukas hier. Dieses Denken war damals völlig klar: Wenn die Boten eines Herrn abgewiesen wurden, dann wurde damit der abgewiesen, der sie gesandt hatte. Einige Verse später formuliert es Jesus auch selber so: „Wer euch hört, der hört mich; wer euch verachtet, der verachtet mich.“ Abgewiesen wird Jesus, weil er auf dem Weg nach Jerusalem war und damit angeblich zu dem falschen Heiligtum, da die Samaritaner doch fest davon überzeugt waren, dass man Gott auf dem Berg Garizim anbeten müsse und nicht in Jerusalem. Nein, das wollten sie nicht noch unterstützen, indem sie Jesus und seine Jünger bei sich übernachten ließen.

Und als Johannes und Jakobus das mitbekommen, werden sie richtig sauer – und schlagen Jesus auch gleich die passende Lösung für dieses Problem vor: „Herr, willst du, so wollen wir sagen, dass Feuer vom Himmel falle und sie verzehre.“ Solch eine Abweisung können wir uns doch nicht einfach bieten lassen; das muss doch Konsequenzen haben! Doch Jesus dreht sich zu ihnen um und bedroht sie – so formuliert es St. Lukas hier. Bedrohen – so reagiert Jesus ansonsten auf den Teufel, auf Dämonen. Ja, so macht er Johannes und Jakobus deutlich: Was ihr für solch eine fromme und angemessene Reaktion haltet, ist in Wirklichkeit teuflisch: Abweisung mit Gewalt zu begegnen, mit Tod und Vernichtung. Niemals, wirklich niemals darf das die Reaktion auf Kränkungen, Beleidigungen und Abweisungen sein, die ihr als meine Boten erleidet. Jesus löst das Problem dann ganz pragmatisch: Er geht mit seinen Jüngern einfach in ein anderes Dorf. Ja, so lassen sich Konflikte oftmals sehr einfach ganz ohne Feuer und Schwefel lösen.

Ja, so macht es uns unsere heutige Predigtlesung deutlich: Wo wir als Boten unseres Herrn auftreten, da müssen wir immer wieder mit Widerständen rechnen, gerade auch da, wo wir selber dazu gar keinen Anlass geben, sondern von uns aus unsere Hände ausstrecken. Die, die uns abweisen, haben eine Ahnung davon, dass wir nicht für uns selber stehen, sondern für den, den wir vertreten, dem wir den Weg bereiten, auf den wir mit unseren Worten und mit unserem Leben weisen. Menschen können nicht ertragen, dass Christus seinen Weg zum Kreuz geht, ja, auch für sie. Ja, was wir in den Verwaltungsgerichten erleben, ist in seinem Kern ein religiöser Konflikt, nicht anders als in Samarien damals auch. Deutsche Behörden reagieren zunehmend allergisch auf Menschen, die sich bewusst dem christlichen Glauben zuwenden. Dass die, die dafür politisch verantwortlich sind, gleichzeitig Kreuze in den Amtsstuben aufhängen lassen, widerspricht dem gerade nicht. Denn diese Kreuze sind ja in Wirklichkeit nichts anderes als eine Verhöhnung derer, die dazu bereit sind, für ihren Glauben an den Gekreuzigten auch in den Tod zu gehen.

Doch Christus macht uns deutlich: Wir sollen auf diese Abweisungen gerade nicht mit Aggression reagieren, sollen dem Hass, der uns oft so unverhohlen entgegenschlägt, nicht unsererseits Hass entgegensetzen und uns vom Hass der anderen vergiften lassen. Den Wunsch nach dem Feuer vom Himmel sollen wir, so gerechtfertigt er auch erscheint, immer wieder ganz bewusst fallen lassen. Der Weg, den Jesus uns weist, ist derselbe Weg, den er hier gerade antritt: Der Weg ins Leiden, auf dem Jesus seinen Feinden auch die andere Backe hingehalten hat, ja noch am Kreuz für die gebetet hat, die ihn ans Kreuz genagelt hatten.

Heißt das, dass wir als Kirche, als Christen in Zukunft den Mund halten sollen angesichts des Unrechts, das unseren Brüdern und Schwestern hier in unserem Land widerfährt? Nein, die Weisung der heiligen Schrift, dass wir unseren Mund auftun sollen für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind, die bleibt natürlich. Die, die als Boten Christi auftreten, sollen dabei niemals um ihre eigene Ehre und ihren eigenen Vorteil kämpfen. Rache für Schmähungen und Verleumdungen ist niemals angebracht. Aber die Stimme für die Schwachen zu erheben und Unrecht beim Namen zu nennen, das bleibt immer unsere Aufgabe – ohne darauf zu achten, ob uns dies Nachteile bringt oder nicht. Doch vergessen wir es nie: Auch für die, die unseren Schwestern und Brüdern Böses antun, ist Christus am Kreuz gestorben. Mögen wir das in all unserem Reden niemals aus den Augen geraten lassen! Wir alle leben ganz von der Vergebung unseres Herrn. Sie allein wird uns einmal am Ende unseres Lebens retten – und nicht, dass wir Recht behalten haben. Ja, mögen wir uns den Blick auf den gekreuzigten Christus bei allem, was uns zurzeit auf dem Herzen liegt, niemals verstellen lassen! Amen.

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