Und siehe, es sind Letzte, die werden die Ersten sein, und sind Erste, die werden die Letzten sein.

(St. Lukas 13,30 - Monatsspruch für September 2017)

Nun ist das Reformationsjubiläumsjahr 2017 schon zu weit mehr als der Hälfte vorbei - und steuert zugleich dem „Höhepunkt“ entgegen: den Feierlichkeiten am 31. Oktober, dem Tag, an dem Martin Luther angeblich seine 95 Thesen an die Türen der Schlosskirche zu Wittenberg nagelte. Vermutlich hat er das in Wirklichkeit gar nicht gemacht; aber es ist doch eine sehr nette Geschichte - und die 95 Thesen, die hat er tatsächlich selber geschrieben.
Die bisherige Bilanz der Reformationsfeierlichkeiten in unserem Land fällt mehr als durchwachsen aus: Die Zahl der Besucher der besonderen „Reformations-Events“ dieses Jahres sind weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Das gilt für den Gottesdienst zum Abschluss des Evangelischen Kirchentags ebenso wie für die Besucherzahlen der Lutherstadt Wittenberg mit ihrer „Weltausstellung“. Am ehesten sind es noch Besucher aus anderen lutherischen Kirchen weltweit, die sich in Wittenberg einfinden und es als großartig empfinden, einmal in den Fußspuren Martin Luthers durch die Stadt wandeln zu können. Die allermeisten Deutschen haben für solche „Events“ höchstens ein großes Gähnen übrig. Und wenn Marketing-Strategen es noch so interessant zu verpacken versuchen: Die große Mehrzahl der Deutschen interessiert sich einfach nicht für das Evangelium, für die Botschaft, die Martin Luther vor 500 Jahren wiederentdeckte.
Ja, wie sehr haben sich die Dinge in den vergangenen 500 Jahren verändert: Deutschland war einmal das Ursprungsland der Reformation, und es gab Zeiten, in denen das geistliche Leben in Deutschland ausstrahlte weit über die Grenzen unseres Landes hinaus. Doch wie wenig ist von all dem heute noch übriggeblieben! Der christliche Glaube wird, wenn überhaupt, von den meisten nur noch als ein kulturelles Phänomen der Vergangenheit wahrgenommen, nicht aber als etwas, was irgendwie noch mit dem eigenen Leben zu tun haben könnte. Man schaut sich mit Interesse alte Kirchen an, geht in Konzerte mit Musik von Johann Sebastian Bach, ja, man redet vielleicht gar vom angeblichen „christlichen Abendland“ oder der „christlichen Kultur“ unseres Landes. Aber wenn man einen Deutschen fragt, was denn nun das Evangelium ist, um das es im christlichen Glauben geht, wird man in den allermeisten Fällen Antworten erhalten, die von erschütternder Ahnungslosigkeit zeugen - bis weit in die christlichen Kirchen hinein. Das gilt ganz besonders für diejenigen, die sich in diesen Wochen und Monaten in besonderer Weise zu Verteidigern des christlichen Abendlandes aufspielen und glauben, sie müssten nun das Christentum gegenüber dem Islam verteidigen. Was sie unter „christlichem Abendland“ verstehen, hat zumeist nicht mehr viel mit dem zu tun, wofür in früheren Zeiten einmal Christen in unserem Lande tatsächlich einstanden. „Bikini statt Burka“ - Dieser Wahlkampfslogan markiert sehr anschaulich das Niveau, auf dem die christliche Tradition unseres Landes behandelt wird.
Doch während das christliche Abendland am Sonntagmorgen ruhig im Bett liegenbleibt, strömen in unsere Kirche Menschen, von denen kaum einer gedacht hätte, dass sie jemals den Weg zu Jesus Christus und zum christlichen Glauben, geschweige denn in unsere lutherische Kirche finden würden. Während ein anständiger Deutscher für die Botschaft des Evangeliums oftmals nur noch ein Schulterzucken übrighat, erleben wir in unserer Mitte Menschen, die für dieses Evangelium von Jesus Christus in ihrer Heimat ihr Leben riskiert haben und sich auch jetzt noch dafür in den Asylbewerberheimen unseres Landes bedrohen und zusammenschlagen lassen. Während die christlichen Glaubenskenntnisse vieler einheimischer Deutscher fast auf Null eingedampft sind, erlebe ich in Taufprüfungen, wie Menschen aus dem Iran und Afghanistan mir sehr genau von dem Zentrum des christlichen Glaubens erzählen können: von der Sendung des Gottessohnes Jesus Christus in diese Welt, von seinem Opfertod am Kreuz an unserer Statt zur Vergebung der Sünden, von seiner Auferstehung, die uns das ewige Leben schenkt. Ganz genau wissen sie, dass sie nicht wegen ihrer guten Werke oder ihres anständigen Lebens in den Himmel kommen, sondern einzig und allein um Jesu Christi willen, um der Vergebung willen, mit der Christus sie beschenkt. Ja, sehr handgreiflich erlebe ich es in unserer Gemeinde immer wieder, was Jesus Christus im Monatsspruch dieses Monats deutlich macht: Dass Letzte die Ersten und Erste die Letzten sein werden. Menschen aus dem hintersten Afghanistan marschieren fröhlich zu Christus in den Himmel, der schon jetzt auf die Erde kommt, wenn wir das Heilige Mahl feiern. Und Menschen, die immer davon ausgegangen waren, dass wir als Deutsche doch immer ganz vorne stehen müssten, werden einmal feststellen, wie sie am Ende draußen vor bleiben werden, wenn sie die Hoffnung in ihrem Leben ganz auf ihren eigenen Anstand, vielleicht gar auf ihre eigenen beruflichen Erfolge und ihre gesellschaftliche Stellung gesetzt haben und nicht auf Christus allein.
Vielleicht müssen wir hier in Deutschland erst noch darauf warten, bis die, die in unserem Land leben, selber verstanden haben, dass wir eben nicht die Ersten sind, sondern auf dem besten Wege sind, die Letzten zu werden - Menschen, die selber erkennen, dass ihnen das Mäntelchen einer christlichen Tradition gar nichts nützt, wenn es um die letzten Fragen unseres Lebens, wenn es um Leben und Tod geht. Denn gerade wenn Menschen erkennen, dass sie es nicht verdient haben, in den Himmel zu kommen, wenn sie es erkennen, dass sie sich an Menschen aus anderen Ländern ein Beispiel nehmen sollten und ihnen nacheifern sollten, gerade dann besteht ja auch für sie Hoffnung, dann gilt auch ihnen die Verheißung, dass aus Letzten auch wieder Erste werden können. Mögen gerade auch unsere Geschwister aus dem Iran und Afghanistan den „einheimischen“ Deutschen in unserem Land zu dieser entscheidenden Einsicht helfen! Dies wünscht auch Ihnen