Gottes Hilfe habe ich erfahren bis zum heutigen Tag und stehe nun hier und bin sein Zeuge bei Groß und Klein.

(Apostelgeschichte 26,22 - Monatsspruch für August 2017)

Da sitzen die Insassen des Zuchthauses in der Verfilmung von Carl Zuckmayers Theaterstück „Der Hauptmann von Köpenick“ aus dem Jahr 1956 im Anstaltsgottesdienst, und der Pfarrer lässt sie geschmackvollerweise den Choral anstimmen: „Bis hierher hat mich Gott gebracht durch seine große Güte“. Die Tragikomik der Szene dürfte kaum einem entgehen: Hat der liebe Gott die Zuchthäusler tatsächlich durch seine große Güte alle miteinander ins Zuchthaus gebracht? Kann man das tatsächlich in allen Lebenslagen so einfach singen und bekennen: „Bis hierher hat mich Gott gebracht ...“?

Im Monatsspruch dieses Monats August bekennt auch ein Gefängnisinsasse in ganz ähnlicher Weise: „Gottes Hilfe habe ich erfahren bis zum heutigen Tag und stehe nun hier ...“ Gottes Hilfe habe ich erfahren bis zum heutigen Tag - nun ja, das ist ganz sicher eine Sache der Betrachtung. Der Apostel Paulus, der diese Worte bei seiner Verteidigungsrede vor dem König Agrippa sprach, hatte nun wahrlich kein einfaches, unbeschwertes Leben hinter sich. Wie oft war er in den vergangenen Jahren verhaftet und ins Gefängnis geworfen worden, wie oft war er bedroht und misshandelt worden, ja, was hatte er nicht auch alles an menschlichen Enttäuschungen erfahren! Und nun war er nach Jerusalem zurückgekehrt, hatte mit knapper Not einen Mordanschlag überlebt und saß nun im Gefängnis - ohne zu wissen, ob er in seinem Leben noch einmal freikommen oder schon bald hingerichtet werden würde. Doch Paulus besteht darauf: „Gottes Hilfe habe ich erfahren bis zum heutigen Tag.“ Entscheidend für Paulus ist nicht, was er in seinem Leben geschafft hat, welche Erfolge er vorweisen kann. Entscheidend für Paulus ist nicht, dass sein Leben nach seinen Vorstellungen und Wünschen verlaufen ist. Sondern entscheidend für Paulus ist einzig und allein, dass Christus, sein Herr, ihm immer wieder neu Möglichkeiten eröffnet hat, die frohe Botschaft von ihm, seinem gekreuzigten und auferstandenen Retter, vor vielen Menschen öffentlich zu verkündigen. Das ist die Hilfe, die Paulus erbeten und erfahren hatte: Die Hilfe, vielen Menschen Christus predigen zu können, die Hilfe, Zeuge für Christus sein zu dürfen in Situationen, die Paulus selber sich gar nicht hätte schaffen oder auch nur erhoffen können.

In meiner Arbeit in der Gemeinde lese ich immer wieder die Anhörungsprotokolle von Gemeindegliedern aus dem Iran und Afghanistan, die zur Begründung ihres Asylantrags aus ihrem Leben berichten. Furchtbares bekommt man da immer wieder zu lesen - Geschichten von Verhaftungen und Folterungen, Geschichten von Ermordungen von Familienangehörigen, von Angst, Leid und Tod. Doch dann lese ich in diesen Anhörungsprotokollen auch nicht selten, wie dieselben Menschen, die von diesen furchtbaren Erfahrungen aus ihrem Leben berichtet haben, dann zugleich auch erklären: Das hatte alles seinen Sinn, was ich da an Schwerem erlebt habe. Wenn ich das nicht alles erlebt hätte, hätte ich wohl nicht den Weg zum Glauben an meinen Herrn und Retter Jesus Christus gefunden. „Gottes Hilfe habe ich erfahren bis zum heutigen Tag und stehe nun hier ...“ Nein, das hätte ich selber gegenüber diesen Menschen gar nicht so zu formulieren gewagt. Aber sie sagen es selber so, bekennen es genauso wie der Apostel Paulus damals vor dem König Agrippa. Ja, auch diese Gemeindeglieder sind mit dem, was sie da sagen, Zeugen, Menschen, die gegenüber einer Obrigkeit, die für ihren Glauben so gar kein Verständnis zeigt, dennoch bekennen, was Jesus Christus für sie und ihr Leben bedeutet - Zeugen, die mit ihrem Zeugnis auch für den Pastor selber eine Glaubensstärkung sind.

Nicht jeder von uns ist schon einmal im Gefängnis gewesen, geschweige denn, dass er dort um seines Glaubens willen eingesessen hätte. Aber besondere Punkte in unserem Leben, an denen wir auf unser Leben zurückblicken, an denen wir darüber nachdenken, wie dieses Leben eigentlich gelaufen ist, die kennen wohl die meisten von uns. Wie sieht es bei uns aus? Was steht im Mittelpunkt unserer eigenen Lebensrückblicke? Sind es die Enttäuschungen und Misserfolge, sind es die Erfahrungen des eigenen Scheiterns, sind es all die Dinge, die wir in unserem Leben erreichen wollten und doch nicht erreicht haben? Sind es die schmerzlichen Erfahrungen, sind es die Krankheiten und Abschiede von geliebten Menschen, die unseren Lebensrückblick bestimmen? Oder sind es die Erfolge im Leben, all die Dinge, die wir geschafft und erreicht haben, die schönen Augenblicke und Stunden, die uns da vor allem vor Augen stehen, wenn wir auf unser Leben zurückblicken?

Es ist gut, wenn wir uns von Paulus dazu anleiten lassen, auch unser Leben unter der Perspektive der Hilfe Gottes wahrzunehmen: Wichtig ist in unserem Leben nicht, was wir alles geschafft oder nicht geschafft haben, was wir geleistet haben oder wo wir versagt haben. Wichtig ist allein, dass Gott uns „bis zum heutigen Tag“ geführt hat, dass er uns geleitet hat, dass er uns dahin geführt hat, dass auch unser Leben ein Zeugnis von der Liebe unseres Herrn Jesus Christus ist, der auch uns selbst in den dunkelsten Stunden unseres Lebens nicht fallen lässt.

Ich wünsche Ihnen allen, dass Sie selber so auf Ihr Leben zurückblicken können und auch Ihr weiteres Leben wahrnehmen können - ja, dass auch Sie erkennen, was im Leben letztlich allein zählt: Dass Sie bei Christus bleiben, der auch das Ziel Ihres Lebens ist und bleibt. Das wünscht Ihnen von Herzen