Vor einem grauen Haupt sollst du aufstehen und die Alten ehren und sollst dich fürchten vor deinem Gott; ich bin der HERR.

(3. Mose/Levitikus 19,32 - Monatsspruch für März 2017)

„Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.“ So klagte vor zweieinhalbtausend Jahren der Philosoph Sokrates. Ja, die Klage über die „Jugend von heute“, die keinen Respekt vor den Älteren hat, ist offenbar so alt wie die Menschheit überhaupt, ist wahrlich kein besonderes Kennzeichen unserer heutigen Zeit. Schon im 3. Buch Mose musste es Gott damals den Israeliten einschärfen, dass die Jüngeren vor einem grauen Haupt aufstehen und die Alten ehren sollten. Das war also auch damals nicht so selbstverständlich, dass sich ein entsprechendes Gebot erübrigt hätte.

Gewiss können und sollen wir nicht alle Gebote des 3. Mosebuches nun unmittelbar auf uns heute anwenden und sie übernehmen. Es ist gewiss richtig, dass Christus das Ende des Gesetzes ist. Und wenn es einige Verse vor dem Monatsspruch in 3. Mose 19 heißt: „Ihr sollt euer Haar am Haupt nicht rundherum abschneiden noch euren Bart stutzen“, dann müssen wir uns an diese Vorschriften bei der Gestaltung unserer Frisuren nicht unbedingt mehr halten. Wenn man genauer hinschaut, ging es bei dieser Vorschrift aber damals nicht um die Frage von Frisuren, sondern um eine abergläubische Praktik, bei der Menschen versuchten, sich nach dem Tod eines Menschen für dessen Geist unkenntlich zu machen. Und da merken wir schon: Abergläubische Sitten haben wir ja heute auch immer noch bei uns. Wir sollten von daher wahrnehmen, dass Gott sich bei seinen Weisungen an das Volk Israel stets etwas gedacht hat - und dass die dann auch immer wieder ungeheuer aktuell werden können. So heißt es beispielsweise in dem Vers, der direkt auf den Monatsspruch in 3. Mose 19 folgt: „Wenn ein Fremdling bei euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken. Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch, und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland.“ Ja, das ist und bleibt Gottes guter Wille auch heute noch.

Und so ist es eben auch mit den „grauen Häuptern“, mit den Alten. Gott weiß, dass es für ein Zusammenleben in einer Gesellschaft entscheidend wichtig ist, dass die Jüngeren gegenüber den Älteren Respekt zeigen. Worin bestehen heutzutage die Herausforderungen für uns, wenn es darum geht, dies in unserem Leben, in unserer Gesellschaft umzusetzen?

Wir leben heute in einer Gesellschaft, in der Menschen immer wieder vor allem daran gemessen werden, was sie leisten können - und zwar leisten im Sinne eines Beitrags zur Steigerung der wirtschaftlichen Produktivität. Wir merken es daran, wie verächtlich immer wieder über Frauen geredet wird, denen die Erziehung ihrer Kinder wichtiger ist als der zusätzliche Verdienst. Eine Frau ist nur dann etwas „wert“, wenn sie auch „richtig arbeitet“ - im Sinne einer Erwerbstätigkeit mit entsprechender Bezahlung. Dass Frauen natürlich auch alle Möglichkeiten haben sollten, einer Arbeit nachzugehen, die ihnen Freude macht, ist überhaupt nicht die Frage. Aber wenn man Menschen immer wieder nur auf ihren Beitrag zum Bruttosozialprodukt eines Landes reduziert, wird es problematisch. Und das gilt eben genauso für die älteren Menschen. Gewiss, die Wirtschaft hat längst die „grauen Häupter“, die sogenannte „silver generation“ als wichtige Konsumentengruppe entdeckt: Menschen, die noch aktiv und rüstig sind, die oft genug auch einiges Geld haben, das sie ausgeben können. Doch wenn diejenigen mit dem „grauen Haupt“ dann nicht mehr so können, sieht es schon anders aus. Dann werden sie oft genug als Belastung wahrgenommen, über deren „sozialverträgliches Frühableben“ dann auch schon einmal diskutiert werden kann. Wer nichts mehr leisten kann, wer der Gemeinschaft der Beitragszahler auf der Tasche liegt, dessen Wert sinkt doch in unserer Gesellschaft ganz praktisch sehr schnell ab.

Eine wichtige Mahnung sind von daher die Worte aus dem 3. Mosebuch: Seht die älteren Menschen noch einmal mit anderen Augen. Erkennt ihren wahren Reichtum: die Lebenserfahrung, die sie gesammelt haben und nun weitergeben können. Wie gerne mache ich gerade bei älteren Gemeindegliedern Gemeindebesuche, soweit mir das irgend möglich ist, weil ich von ihnen immer wieder so viel lerne und erfahre, weil ich von meinen Besuchen bei ihnen immer wieder selber beschenkt nach Hause gehe! Erkennt, was sie in ihrem Leben geleistet und erlitten haben! Ermöglicht ihnen, in Würde älter und schwächer zu werden und schließlich auch sterben zu können! Ich habe in meiner Arbeit viele Kontakte mit Menschen, die in der Altenpflege arbeiten, die sich selber in dieser Arbeit geradezu aufopfern. Aber ich weiß zugleich, was für Mängel es in unserem reichen Land bei der Versorgung älterer Menschen gibt, wie wenig wertgeschätzt, ja auch finanziell wertgeschätzt die Arbeit derer ist, die sich um alte Menschen in unserem Land kümmern. Wenn Jüngere vor Älteren im Bus oder in der U-Bahn aufstehen, ist das eine schöne Sache. Das sollten wir den Jüngeren auch weiter beibringen. Aber noch wichtiger ist, dass wir die grauen Häupter nicht aus den Augen verlieren, die nicht mehr mit der U-Bahn fahren können, die auf Hilfe und Pflege angewiesen sind. Besuchen wir sie - und setzen wir uns für alle Maßnahmen ein, die dazu dienen, ihre Betreuung und Pflege zu verbessern. Gott selber will es so!
Eine gesegnete Fastenzeit wünscht Ihnen