Es wird Freude sein vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut.

(St. Lukas 15,10 - Monatsspruch für Oktober 2017)

Ich staune immer wieder darüber, wie sehr die persische Sprache und die deutsche Sprache einander ähneln. Beide sind indogermanische Sprachen, und so kann ich mir beispielsweise die Konjugation im Persischen gut vom Lateinischen ableiten. Auch viele Wörter und Ausdrücke sind sich erstaunlich ähnlich. Dazu gehört beispielsweise auch die Formulierung „Buße tun“. Die heißt auf Farsi genau entsprechend „tobe konan“.  Doch im Taufunterricht muss ich dann unseren Taufbewerbern immer wieder deutlich machen, dass „Buße tun“ im christlichen Glauben etwas völlig anderes ist als das „tobe konan“ im Islam, ja, dass in der Ursprache des Neuen Testaments, im Griechischen, gerade nicht vom „Tun“ die Rede ist.  Dass es im christlichen Glauben und im Islam letztlich doch um dasselbe gehe, dass nämlich der Mensch seine Sünden erkennen müsse und dann versuchen müsse, das Begangene wiedergutzumachen und es in Zukunft besser zu machen, ist ja auch ein Unsinn, den man immer wieder in Ablehnungsbescheiden des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge lesen kann.
In Wirklichkeit ist das muslimische Verständnis von „tobe konan“ und das christliche Verständnis von Buße etwas völlig anderes: Im Islam bedeutet zunächst einmal „Sünde“ etwas völlig anderes: Es geht um die Übertretung von Vorschriften, um das Tun von Dingen, die als „haram“, als „unrein“, angesehen werden. Und wenn man so etwas gemacht hat, wenn man das Falsche gegessen oder getrunken hat, wenn man die Verpflichtung zum mehrfachen täglichen Gebet nicht eingehalten hat, wenn man im Fastenmonat das Fastengebot übertreten hat, dann muss man das irgendwie wiedergutmachen, muss gute Werke tun, um wieder auszugleichen, was man angerichtet hat. Und wenn man sich dabei sehr viel Mühe gibt, hat man dann eine gewisse Hoffnung, dass das, was man vorher falsch gemacht hat, am Ende dann doch wieder durch das Gute, das man getan hat, aufgewogen wird. Dieses Verständnis von „Buße“ unterscheidet sich im Übrigen gar nicht so sehr von anderen Religionen, in denen es auch immer wieder darum geht, dass der Mensch mit seinen Taten ausgleichen muss, was er angerichtet hat - und es unterscheidet sich auch gar nicht so sehr von der Volksreligiosität zur Zeit der Reformation und auch heute noch: Ich bin eigentlich ein ganz ordentlicher Mensch - und wenn ich etwas nicht richtig gemacht habe, dann muss ich eben etwas Gutes tun, um es wieder in Ordnung zu bringen. Früher kaufte man dann Ablassbriefe, heute kann man Ähnliches mithilfe von finanziellen Abgaben zur Förderung der Klimaneutralität des eigenen Verhaltens erreichen.
Doch wenn im Neuen Testament von „Buße“ die Rede ist, dann ist damit etwas völlig Anderes gemeint: Wir müssen uns nur die beiden Beispielgeschichten anschauen, die dem Monatsspruch dieses Monats Oktober vorangehen und mit denen Jesus deutlich macht, was „Buße“ wirklich heißt: Da ist das verlorene Schaf, das sich irgendwo in der Wüste verirrt hat und schließlich von dem Hirten auf seinen Schultern nach Hause getragen wird, und da ist der Groschen, der von der Frau im Haus überall gesucht und schließlich gefunden wird. Bei „Buße“ geht es also nicht um unser Tun, sondern darum dass Gott etwas tut, dass er uns findet und nach Hause trägt. Wir tragen zu unserer „Buße“ so viel bei wie ein Schaf, das sich in einem Dornenstrauch verheddert hat und nicht mehr loskommt oder wie ein Geldstück, das irgendwo unter einem Schrank liegt und schließlich mit einem Besen hervorgekehrt wird. Nicht wir bringen in der Buße unser Verhältnis zu Gott in Ordnung, sondern Gott selber holt uns in seine Gemeinschaft zurück.
Das bedeutet nicht, dass es im christlichen Glauben einfach ein wenig „netter“ zugeht als im Islam oder in anderen Religionen. Im Gegenteil: Jesus redet sehr deutlich von „Verlorenheit“. Es geht in unserem Leben nicht bloß darum, dass da ein paar Dinge nicht ganz optimal gelaufen sind, dass wir das eine oder andere nicht so ganz richtig gemacht haben. Sondern wir sollen schon ganz deutlich erkennen, dass wir von uns aus verloren sind, getrennt von Gott, dass wir keine Chance haben, uns selbst zu retten, und wenn wir uns noch so viel Mühe geben und noch so viele gute Werke tun. Wenn nicht Gott kommt und uns findet, bleiben wir von ihm getrennt, bleiben wir ewig verloren.
Doch genau das ist die gute Botschaft, genau das ist das Evangelium, dessen Wiederentdeckung vor 500 Jahren wir am 31. Oktober 2017 feiern werden: Gott macht, was wir nicht können; er kommt zu uns, überwindet die Trennung zwischen sich und uns und trägt uns nach Hause. Anders ausgedrückt: Er vergibt uns unsere Sünde, ja, ganz konkret in der Taufe, in der Beichte, im Heiligen Altarsakrament. Da findet er uns, da schließt er uns in die Arme. Und genau das gibt es im Islam eben nicht; das gibt es wirklich nur bei Christus. Ehrlich gesagt hatte Martin Luther selber das auch noch nicht so ganz verstanden, als er damals am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen veröffentlichte. Aber nicht lange danach ging es ihm dann auf: Wenn mir in der Beichte die Sünden vergeben werden, dann sind sie wirklich bei Gott vergeben, dann wird er mich nie mehr danach fragen. Und darum kann ich meines Heils gewiss sein, weil mein Heil nicht an mir hängt, nicht an meinem Tun, nicht an meinen guten Werken, sondern an Gott allein, der mein Leben immer wieder wendet und mich nach Hause trägt. Und darum ist der christliche Glaube eine so fröhliche Angelegenheit - so fröhlich, dass gleich der ganze Himmel mitfeiert, wenn ein Mensch von Gott in die Arme geschlossen wird. Ja, genau darum geht es im Gottesdienst: Dass wir mit den Engeln und allen Heiligen feiern, dass Gott alles für uns tut, damit wir in den Himmel kommen. Ja, solch eine Freude, die verändert wirklich unser Leben! Und so lade ich Sie herzlich dazu ein, mit den Engeln Gottes gemeinsam zu feiern - am 31. Oktober im Reformationsfestgottesdienst und in allen anderen Gottesdiensten in unserer Gemeinde auch!