Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.

(Lukas 6,36 - Jahreslosung für das Jahr 2021)

„Seid barmherzig!“ - So lautet die Jahreslosung für das neue Jahr 2021. „Barmherzig“ - das Wort klingt sehr schön und positiv. Aber was ist eigentlich genau mit „barmherzig“ gemeint? Jesus selber gibt uns einen ersten Hinweis, was wir unter „barmherzig“ zu verstehen haben. Er macht uns deutlich, dass wir an unserem Vater im Himmel erkennen können, was es bedeutet, barmherzig zu sein. Barmherzigkeit ist also zunächst und vor allem eine Eigenschaft Gottes, die dann auch unser Leben als Christen prägt und bestimmt. Und genau dies bringt Ulrike Wilke-Müller in ihrer Darstellung der Jahreslosung in ganz wunderbarer Weise zum Ausdruck: Das ganze Bild ist bestimmt von einer Darstellung der Barmherzigkeit Gottes. Sie macht auch flächenmäßig den größten Teil dieses Bildes aus. Da sehen wir zunächst einmal auf der rechten Seite eine blaue Fläche mit einem Regenbogen. Der Regenbogen erinnert uns natürlich an die Geschichte von Noah und der Sintflut. Am Ende der Geschichte erklärt Gott, dass er die Menschheit nicht noch einmal mit einer solchen Flut vernichten will, und gibt dafür eine bemerkenswerte Erklärung. Er sagt nicht: Ich will die Menschheit nicht mehr verderben, weil sie sich jetzt endlich gebessert hat, weil sie jetzt endlich eingesehen hat, dass sie sich nicht mehr so verhalten sollte wie vorher. 

Acryl von U. Wilke-Müller
(c) GemeindebriefDruckerei.de

Sondern Gott verzichtet auf eine weitere Sintflut mit der Begründung: „denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf.“ Gott geht barmherzig mit einer Menschheit um, die von sich aus gar keine Möglichkeit hat, sich zu bessern. Er nimmt die Realität der Sünde zur Kenntnis und gibt der Menschheit stattdessen den Regenbogen als Zeichen dafür, dass er die Menschheit nicht noch einmal vernichten will. Unter dieser Barmherzigkeit Gottes leben wir Menschen alle miteinander, auch und sogar in Zeiten der Corona-Pandemie. Diese Barmherzigkeit Gottes gilt nicht nur einigen auserwählten Menschen, sondern ohne Ausnahme allen. Und dann sehen wir auf der linken Seite oben ein helles, warmes Gelb-Orange - gleichsam ein Symbol Gottes selber, der in seinem tiefsten Wesen „ein glühender Backofen voller Liebe“ ist, wie Martin Luther es in einer Predigt einmal so schön formuliert hat. Und diese Liebe behält Gott nun nicht für sich, sondern er öffnet gleichsam die Backofentür, dass diese heiße Liebe herausströmt nach unten auf die Erde. Und dies geschieht, so können wir es in dem Bild wunderbar erkennen, in dem Kreuz unseres Herrn Jesus Christus. Und so erreicht diese Liebe uns Menschen hier auf der Erde. Zwei Menschen sind auf diesem Bild dargestellt. Man kann ihre Gesichter nicht erkennen. Jeder von uns kann und soll sich in diesen beiden Menschen wiederfinden. Hinter der Schulter des linken Menschen sehen wir braune und dunkle Farben - sie weisen hin auf die Schuld, mit der wir Menschen uns abschleppen und die in unserer Lebensgeschichte immer wieder hinter uns liegt und uns verfolgt. Doch nun fährt das helle Licht der Liebe Gottes vom Himmel hernieder im Kreuz seines Sohnes und trennt uns Menschen von der Schuld, die hinter uns liegt. Ja, mehr noch, sie trennt uns Menschen nicht nur von unserer Schuld, sondern in diesem hellen Lichtstrahl aus dem Himmel verbinden sich gleichsam das Blau der Geduld Gottes mit dem Sünder und das Gelb seiner Liebe zu Grün: Die beiden Menschen sind grün gezeichnet:  In ihnen selber verbinden sich das Blau und das Gelb Gottes zu einem Grün, das wir auch am Fuß des Kreuzes wiederfinden: Da wächst hier auf Erden am Fuß des Kreuzes neues Leben, da sprießt etwas Neues auf, wenn Gott mit seiner Geduld und Liebe Neues schafft. Schauen wir uns die beiden Menschen genauer an, dann sind sie nicht nur grün, sondern im Bereich ihres Herzens sehen wir etwas Weißes, was die beiden miteinander verbindet: Das Weiß erinnert daran, dass Gott in Christus zu uns Menschen gekommen ist. Und dieser Christus lebt nun in den Herzen dieser beiden Menschen und verbindet sie miteinander.
So sieht also Barmherzigkeit aus: Mein Leben ist bestimmt von der Geduld Gottes mit dem Sünder und von seiner Liebe, mit der er auf eben diesen Sünder zugeht und ihn liebt, obwohl er es nicht verdient hat. Wenn wir uns den griechischen Text der Jahreslosung genau anschauen, dann heißt es dort eigentlich nicht: „Seid barmherzig“, sondern „Werdet barmherzig!“ Ich bin eigentlich von Natur aus nicht barmherzig, sondern ich sitze viel lieber über die Schuld anderer Menschen zu Gericht, ich habe nicht Geduld mit ihnen, sondern möchte ihnen gleich zeigen, was sie eigentlich verdient haben. Ich wende ihnen von Natur aus gerade nicht mein Herz zu, sondern kreise mit meinem Herzen viel lieber um mich selbst. Doch da, wo ich erfahre, dass Gott in der Heiligen Beichte mit seiner Liebe mich und meine Schuld voneinander trennt, da, wo ich erfahre, dass der lebendige Christus selber mit seiner Liebe in mir Wohnung nimmt, wenn ich seinen Leib und sein Blut im Heiligen Mahl empfange, da werde ich von Christus verändert, da schenkt er mir die Kraft, mit anderen Menschen so umzugehen, wie Gott mit ihnen umgeht - und wie er vor allem auch mit mir selber umgeht. „Werdet barmherzig!“ - Das ist ein Prozess, der sich in unserem ganzen Leben immer wieder vollzieht, wenn sich Gottes Geduld und Gottes Liebe in uns zum Grün des neuen Lebens verbinden. Dass Gott Ihnen dadurch die Kraft schenkt, mit anderen Menschen, ja gerade auch mit ihrer Schuld, barmherzig umzugehen, ja ganz besonders auch jetzt in dieser Corona-Zeit, wünscht Ihnen für dieses kommende Jahr 2021