Ich glaube; hilf meinem Unglauben! 

(St. Markus 9,24— Jahreslosung für das Jahr 2020)

Wie stark ist Ihr Glaube? So stark, dass Sie dazu bereit wären, für diesen Glauben ins Gefängnis zu gehen, sich foltern und töten zu lassen? Ach, wer von uns wäre ernsthaft dazu in der Lage, diese Frage einfach mit Ja zu beantworten? Wer von uns könnte sich der Stärke seines eigenen Glaubens so gewiss sein, dass er solche Aussagen treffen könnte, wie er sich in Zukunft verhalten würde, wenn sein Glaube richtig unter Druck geraten sollte? Doch genau dieses absurde Schauspiel erleben wir in unserem Land immer wieder, wenn der Staat den Glauben von konvertierten Christen prüft und am Ende sich ein Urteil darüber anmaßt, dass der Glaube des einen Christen stark genug ist und der Glaube des anderen nicht ausreicht für eine Anerkennung als wahrer Christ.
Nein, unser Glaube ist gerade kein fester Besitz, den wir aus unserer Hosentasche ziehen und dann von staatlichen Behörden vermessen lassen könnten. Sondern unser Glaube ist immer ein umkämpfter Glaube, so macht es uns die Jahreslosung für das Jahr 2020 deutlich, so macht es uns in wunderbarer Weise auch das Bild zur Jahreslosung von Ulrike Wilke-Müller deutlich. Solange wir als Christen leben, werden wir niemals weiter mit unserem Glauben kommen, als eben dies immer wieder zu rufen: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“

Ein Schiff in stürmischer See hat die Künstlerin als Bild gewählt, um zu veranschaulichen, wie es mit unserem Glauben bestellt ist. Ja, das ist ein gutes biblisches Bild, auch wenn die Jahreslosung einer Geschichte entnommen ist, in der kein Schiff vorkommt. Aber das Schiff in stürmischer See, es macht sehr eindrücklich deutlich, in was für einer Situation wir uns mit unserem Glauben zeit unseres Lebens befinden. Ich erinnere mich noch sehr eindrücklich an eine Konfirmandenfahrt, bei der wir auf dem Edersee in Hessen bei schönstem Sonnenschein eine Fahrt mit Elektrobooten unternahmen. Doch als wir gerade mitten auf dem See waren, braute sich innerhalb von kürzester Zeit hinter den Bergen am Ufer ein Gewitter zusammen: Starke Winde fegten über den See, es fing an zu donnern und zu blitzen. Und die Elektromotoren der Boote kamen gegen den starken Wind nicht mehr an. Völlig schutzlos trieben wir im Gewitter mitten auf dem See. Doch dann hatten einige unserer Jugendmitarbeiter die rettende Idee: Sie nahmen die Stoffüberdachung der Boote und nutzten sie als Segel, kreuzten damit über den See, bis wir schließlich in den rettenden Hafen zurückkehrten. Das Segel hatte uns gerettet.
Solch ein Segel ist unser Glaube, so macht es das Bild von Ulrike Wilke-Müller deutlich: Ja, von sich aus vermag dieses Segel, vermag unser Glaube gar nichts. Aber wenn der Wind in das Segel hineinbläst, dann bringt einen dieses Segel zum Ziel.
Wenn wir auf unseren eigenen Glauben blicken, dann werden wir bei solch einer Selbstinspektion wenig finden, was uns zu ermutigen, geschweige denn zu beeindrucken vermag. Da erkennen wir sehr viel deutlicher, was wir selber alles nicht können. Doch Gott kann in dieses schlaffe Segel hineinpusten und uns gerade so zum Ziel bringen - nicht weil unser Glaube so stark wäre, sondern weil der so stark ist, der in dieses Segel hineinbläst. Ein Segel kann nur funktionieren, wenn es an einem Mast befestigt ist. Dieser Mast steht im Mittelpunkt des Bildes von Ulrike Wilke-Müller. Dieser Mast hat die Form eines Kreuzes - und wenn wir ganz genau hinschauen, erkennen wir im Zentrum dieses Kreuzes sogar einen Kruzifixus, einen, der am Kreuz hängt. Ja, genau so ist es mit unserem Glauben. Er hat seine Kraft nicht in sich selber, sondern er hängt ganz und gar am Kreuz - am Kreuz unseres Herrn Jesus Christus. Ein Glaube, der nicht an Christus hängt, bringt uns in unserem Leben nicht voran, bleibt den Mächten des Verderbens hilflos ausgeliefert, die die Künstlerin so eindrücklich auf der linken Seite des Schiffes darstellt. Doch ein Glaube, der an Christus und an seinem Kreuz hängt, kann auch die schweren Erfahrungen des Lebens, kann auch all die Stürme und Anfeindungen, die wir in unserem Leben erfahren, noch nutzen, um uns in unserem Lebensboot vorankommen zu lassen bis zum Ziel.
Noch sind wir nicht am Ziel angekommen, noch geht es uns oft genug wie dem Petrus, von dem die Heilige Schrift berichtet, dass Jesus ihn eines Nachts aufgefordert hatte, aus dem Boot mitten auf dem See Genezareth auszusteigen und ihm auf dem Wasser entgegenzugehen. Zuerst blickte Petrus auf Christus - und war tatsächlich dazu in der Lage, auf dem Wasser zu gehen. Aber dann schaute er auf sich selbst, auf sein eigenes Unvermögen - und begann zu sinken. Doch gerade in diesem Augenblick packte ihn Christus und zog ihn ins Boot. So ist es auch bei uns: Solange wir auf Christus schauen, kommen wir voran; sobald wir anfangen, auf uns selber zu schauen, auf unser eigenes Vermögen, erleben wir nur noch Unglauben an uns selber. Doch wie gut, dass wir gewiss sein dürfen, dass uns Christus gerade da, wo wir im Sturm unterzugehen drohen, selber packt und uns ins Boot zurückholt, ja selber ans Ziel bringt, das in dem Bild von Ulrike Wilke-Müller schon in Grün, der Farbe der Hoffnung, dem Betrachter entgegenleuchtet. Aus dem Gelb der Gegenwart Gottes und dem Blau der bedrohlichen See erwächst am Ende doch die gewisse Hoffnung des Glaubens, der am Kreuz hängt. Herzlich lade ich Sie dazu ein, Ihr Glaubenssegel in diesem kommenden Jahr immer wieder kräftig mit dem Wind des Heiligen Geistes füllen zu lassen - wenn Sie Gottes Wort hören und den Leib und das Blut unseres Herrn empfangen! Dass Sie im Jahr 2020 so dem Ziel ihres Lebens durch alle Stürme hindurch entgegensegeln können, wünscht Ihnen