Jesus Christus spricht: Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.

(Johannes 6,37b - Jahreslosung für das Jahr 2022)

Zu meinen schmerzlichsten Erfahrungen in meinem Dienst als Pastor gehört es, immer wieder in die Gesichter von Menschen schauen zu müssen, deren Klage gegen die Ablehnung ihres Asylantrags von einem Verwaltungsgericht abgewiesen wurde. Da ist es oft viele Jahre her, seit sie ihre Heimat verlassen mussten, weil sie dort nicht mehr bleiben konnten, viele Jahre, seit sie hier in Deutschland angekommen sind und gehofft hatten, hier nun aufgenommen zu werden, hier nun ihren christlichen Glauben in Freiheit praktizieren zu können. Jahrelang hatten sie auf diesen Tag der Gerichtsverhandlung gewartet, hatten sich, so gut es ihnen möglich war, bemüht, dem Gericht klarzumachen, wie wichtig ihnen doch der Glaube an Jesus Christus ist, dass sie ohne ihn nicht leben können. Doch dann ahnen sie es schon, als der Vertreter des BAMF anfängt, sich über ihre Ausführungen lustig zu machen, als er ihnen ihre Worte im Munde herumdreht und anfängt, ihnen die bösesten Motive für das, was sie gesagt haben, zu unterstellen: Es hat nicht gereicht. Ihre schauspielerischen und rhetorischen Fähigkeiten waren nicht gut genug, und in ihrer Aufregung haben sie dann auch noch Dinge durcheinandergebracht, was ihnen dann anschließend gnadenlos unter die Nase gerieben wird. Nein, sie waren einfach nicht gut genug, um ein Recht zu haben, in Deutschland als Christ leben zu dürfen. Die Tür zu einem Leben als Christ in Deutschland – sie wurde ihnen einfach vor der Nase zugestoßen. Ja, Verzweiflung sehe ich immer wieder in den Gesichtern der Menschen, Verzweiflung darüber, dass man ihnen nicht geglaubt hat, Verzweiflung darüber, dass man sie am Ende nur als Witzfiguren hat stehen lassen, die man ja doch nicht ernst zu nehmen braucht.

Acryl von U. Wilke-Müller
(c) GemeindebriefDruckerei.de

Ja, solche Abweisung zu erfahren, das schmerzt, das macht einen kaputt. Und ich versuche, dann immer wieder deutlich zu machen, dass Deutschland eben längst kein christliches Land mehr ist, dass die, die Urteile über den Glauben fällen, in der Regel zu diesem Glauben überhaupt keinen Bezug haben, ja, ihm oft genug sogar offenkundig feindselig gegenüberstehen. Da kann man zumeist auch keine anderen Entscheidungen erwarten.

Wie gut, dass wir heute etwas davon hören können, dass Jesus glücklicherweise vollkommen anders ist als das deutsche Volk, in dessen Namen immer wieder die Klagen von konvertierten Christen in diesem Land abgewiesen werden!

Es ist eine schöne Tradition in unserem Land, dass für jedes Jahr eine sogenannte „Jahreslosung“ aus der Bibel ausgegeben wird – ein Spruch aus der Bibel, der uns durch das ganze Jahr begleiten soll. Kurz sind diese Sprüche immer – da muss man natürlich immer den Zusammenhang berücksichtigen, in dem sie stehen. Doch gerade in dieser Kürze entfalten diese Sprüche zugleich auch immer wieder eine besondere Kraft: Für das Jahr 2022 lautet der Spruch: „Jesus Christus spricht: Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“ Wenn man sich den griechischen Text anschaut, dann steht da sogar noch mehr als „abweisen“, dann steht da „hinauswerfen“, „hinausstoßen“. Das drückt die Erfahrung, die so viele Glieder unserer Gemeinde hier in unserem Land machen mussten und müssen, sogar noch besser aus.

Ja, wie gut, dass Jesus so ganz anders ist als das deutsche Volk: Wer zu ihm kommt, der muss nicht perfekt sein, der braucht keine besonderen schauspielerischen oder intellektuellen Fähigkeiten, der muss Jesus nicht mit einer beeindruckenden Lebensleistung oder mit brillanten Gedanken beeindrucken. Wer zu ihm kommt, braucht nicht vor Angst zu zittern, braucht keine Sorge zu haben, am Ende vor einer verschlossenen Tür zu stehen.

Was für eine wunderbare Botschaft: Wenn du auf dein Leben schaust und so vieles siehst, was du dir vielleicht auch selber gar nicht vergeben kannst, wenn du denkst, dass du mit solch einem Leben doch nie und nimmer bestehen kannst, dann höre die Worte deines Herrn: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen, den werde ich nicht hinausstoßen.“ Wenn du in deinem Leben nicht nur im Gericht, sondern in so vielen Begegnung mit anderen Menschen erfahren hast, dass du abgewiesen wurdest, dann denke daran, was dein Herr zu dir sagt: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen.“ Wenn dir in deiner früheren Religion immer eingeredet wurde, du könntest niemals sicher sein, ob dein Weg dich am Ende tatsächlich ins Paradies und nicht vielmehr doch in die Hölle führt, dann höre die glasklaren Worte deines Herrn: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen, den werde ich nicht hinausstoßen.“

Die Künstlerin Ulrike Wilke-Müller hat diese Jahreslosung in einem sehr schönen Bild dargestellt:

Da sehen wir unten rechts im Bild zwei Menschen. Dort, wo sie sich befinden, scheint es ganz kalt und dunkel zu sein – das dunkle Blau bringt dies zum Ausdruck. Erfahrungen von Kälte und Dunkelheit: Die haben so viele von euch in ihrem Leben gemacht, Erfahrungen von eiskalter Ablehnung, Erfahrungen von Dunkelheit, dass man den Eindruck hat, man sitze nur noch in einem schwarzen Loch, aus dem man nie mehr herauskommt. Aber nun scheinen diese beiden sich auf den Weg aus diesem Dunkel gemacht zu haben. Nein, eigentlich sind sie es selber gar nicht, die sich auf den Weg gemacht haben, sondern da fällt Licht in ihr Leben, das sie gleichsam anzieht, das ihr Leben schon hell macht, während sie noch unterwegs sind.

Auf der linken Seite sehen wir Steine, Felsen, die abweisen. Sie erinnern uns an die Erfahrungen, von denen ich am Anfang gesprochen habe, an die versteinerten Gesichter und Herzen von Menschen, von denen wir in unserem Leben vergeblich Hilfe erhoffen.

Doch unser Blick fällt auf dem Bild gleichsam von selbst auf etwas anderes: Auf die offene Tür in der unteren Mitte des Bildes. Ganz hell wird es hinter dem Eingang zu dieser Tür. Klar zu erkennen ist das Kreuz in der Mitte der Tür, das uns deutlich macht, wer uns denn da in dieser Tür erwartet: Kein anderer als der gekreuzigte Christus selbst. Ein warmes Orange in der Tür zeigt uns: Eiseskälte hat hier keinen Platz; hier ist es ganz anders als dort, wo du herkommst. Um zu dieser Tür zu kommen, muss man keine Felsen überwinden – der Weg ist schon gebahnt – und beleuchtet. Und wenn man genau hinschaut, sieht man, wie vor der Tür Wasser auf der rechten Seite herabfließt: Wer durch diese Tür hindurchgehen will, der wird zuvor gewaschen mit dem Wasser der Taufe, tritt dann in die Tür hinein, in der Jesus Christus ihn selber erwartet, der von sich selber sagt: Ich bin die Tür.

Ja, weit offen steht die Tür – da ist kein Türsteher zu erkennen, der die, die durch diese Tür hindurchgehen wollen, erst noch einmal kritisch mustert, ob sie denn da auch zu der Gesellschaft passen, die durch diese Tür schon hindurchgegangen sind. „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“ Das gilt bedingungslos.

Und noch etwas steckt in den Worten dieser Jahreslosung: Wenn wir einmal zu diesem Jesus Christus gekommen sind, dann müssen wir keine Sorge haben, dass er uns nach einer Weile wieder bei sich herauswirft. In den letzten Jahren haben viele Glieder unserer Gemeinde, die schon einen Aufenthalt in Deutschland erhalten hatten, einen großen Schreck bekommen, weil sie einen Brief vom BAMF erhielten, der ihnen ankündigte, dass man überprüfen wolle, ob man ihnen diesen Aufenthalt nicht wieder wegnehmen könne. Mitunter reichlich schwachsinnige Fragen mussten unsere Gemeindeglieder dann beantworten, und manche konnten nur noch schlecht schlafen, bis sie dann schließlich die Antwort erhielten: „Sie können Ihren Aufenthalt behalten.“ So etwas gibt es bei Jesus nicht. Der schmeißt uns nicht wieder nach einer Weile bei sich raus; der fängt nicht an, uns am Ende doch noch abzuschieben. Gewiss, die Tür steht auf. Wer möchte, kann aus ihr auch wieder herausgehen in das Dunkel, zu den abweisenden Felsen. Doch wer möchte schon wieder zurück aus dem hellen Licht in die Dunkelheit? Jesus selber möchte es jedenfalls keinesfalls; der stößt keinen hinaus; der lädt vielmehr all diejenigen ein, die jetzt noch draußen stehen: Habt keine Sorge; bei mir werdet ihr es nicht erleben, dass ich euch abweise. Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen!

Wer zu mir kommt – das ist natürlich eine ganz konkrete Einladung zum Gottesdienst, zum Empfang des Leibes und Blutes Christi. Kommt, lasst euch waschen in der Taufe, und dann tretet hinein durch die Tür in den Festsaal Gottes, dort, wo das Dunkel keinen Platz mehr hat! Ja, präge dir diese Worte für das neue Jahr ein, dass du sie wirklich auswendig kennst. Sprich für dich selber Woche für Woche laut aus, was dein Herr auch dir ganz persönlich sagt: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen!“ Und dann lass dich anlocken vom Licht, von ihm, Jesus Christus, selber! Was für eine wunderbare Perspektive für dieses neue Jahr, in dem uns ansonsten so viele verschlossene Türen erwarten werden. Die Tür zu Jesus Christus bleibt immer offen. Der kennt keinen Lockdown. Denn „wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen!“ Gott sei Dank! Amen.